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Die zwei Sommerblumen

Einst fanden sich zwei Sommerblumen in einem großen Pflanztopf, welche auf ihre Weise sehr unterschiedlich waren. Die Eine war eine aufrechtstehende dunkellila blühend Pflanze, welche von morgens bis abends ihre Blüten geöffnet hatte und die Andere war eine Hängeblume, welche in verschiedenen Farben blühte, doch nur wenn die pralle Sonne sie beschien.

Es dauerte eine Weile bis sich die zwei so unterschiedlichen Gesellen verstanden und solange die Sonne schien, war  alles in bester Ordnung. Dann blühten die zwei Blumen um die Wette und die Bienen flogen von einer Blüte zu nächsten. Doch leider gab es auch Tage, an welchen die Sonne nicht am Himmel zu sehen war und da wurde es schwierig in der Gemeinschaft.

„Sag mal, musst du dich denn immer so hängen lassen, wenn die Sonne nicht scheint?“, fragte die dunkellila Blume leicht verärgert, aber mit weit geöffneten Blüten.

„Tut mir leid, aber mir geht es grad nicht gut.“, murmelte die geschlossene Hängeblume.

„Ja was fehlt dir denn?“

„Die Sonne!“

„Aber die ist doch am Himmel, halt nur hinter den Wolken versteckt. Das ist doch kein Grund so traurig rumzuhängen. Da wird man ja depressiv, wenn man so neben dir leben muss.“

„Das tut mir leid, das will ich nicht, aber es ist halt so, dass ich nur aufblühe, wenn mir die Sonne ins Gesicht scheint.“, verteidigte sich die Hängeblume ein wenig verletzt.

„Ja aber willst du denn dein ganzes Leben verschlossen verbringen, nur weil die Sonne nicht scheint!“

„Aber meine Schönheit kommt doch nur zur vollen Entfaltung, wenn es warm und sonnig ist. Dann recke ich meine Blüten ins Licht und alle Welt kann meine Schönheit bewundern,“ schwärmt die Hängepflanze verzückt, „doch der Regen schadet meinen zarten Blütenblättern und ich sehe anschließend fürchterlich aus.“

„Das kann schon vorkommen und mag auch ärgerlich sein, doch überleg mal, findest du nicht auch, dass es viel wichtiger wäre den Menschen unsere Schönheit zu zeigen, wenn es trist und bewölkt ist, oder gar regnet. Unsere Farbe bringt sie vielleicht dazu wieder zu lächeln und sie gehen viel besser gelaunt durchs Leben. Traurige, geschlossene Blumen sind doch nicht ansehnlich, nicht einmal die Fliegen interessieren sich für einen und das mag was heißen.“

Die Hängeblume hörte sich die Standpauke bedrückt an und sagte lange nichts. Nur ab und zu konnte man ein leichtes rucken sehen, welches die Pflanze durchfuhr, doch dann war wieder Ruhe. „Es geht nicht“, flüsterte sie traurig, „ich kann meine Blüten nicht öffnen. Ich habe keine Kraft dazu.

„Hm“, brummte die lila blühende Blume abweisend, „dann ist es eben so.“

 

Dann, nach drei oder vier Tagen klarte der Himmel endlich wieder auf und die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen zur Erde.

„Ahhh, endlich!“, atmete die Hängeblume erleichtert auf und öffnete ihre Blüten.

 

Zwei Kinder kamen gelaufen und riefen aufgeregt: „Mama, Mama, sieh nur wie schön die Hängeblume jetzt ist. Sie hat unzählige Blüten und ist sooo schön!“

Die Mutter kam zu der kleinen Gruppe hinzu und besah sich die Pflanzen ebenso. „Ja, jetzt hat sie ihre Blüten wieder geöffnet.“

„Aber warum waren sie denn die ganze Zeit geschlossen?“, wollte die Tochter wissen.

„Weil dies eine Blume ist, die nur ihre Blüten zeigt, wenn sie direkt von der Sonne beschienen wird.“

„Sie schont ihre Blüten halte,“ merkte ihr Bruder rechtwissend an, „und lässt sich nicht so vom Regen zerzausen wie die lila Blume da.“

Das Mädchen besah sich die lilablühende Blume und meinte: „Ja, die ist gar nicht mehr schön jetzt, die können wir wegwerfen.“

 

„Oh nein, das tun wir nicht,“ erklärte die Mutter entschieden, „sie wird sich in wenigen Tagen wieder erholt haben und dann freut ihr euch wieder über ihre schönen Blüten, auch wenn der Himmel bedeckt ist oder es gar regnet. Es hat schon alles seinen Sinn wie es ist.“

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